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(August 2004)

Helen Vita

Wohlbehütetes Mädchen gefährdet abendländische Kultur

von Wälz Studer

Helen Vita ist Meister des frivolen Chansons in Deutschland. Sie war im Jahr 1965 erfolgreichste Chansonsängerin in Deutschland. Von 1963 bis 1966 veröffentlichte Helen Vita vier Alben mit dem Obertitel "Freche Chansons". Ihre Platten verkauften sich, obwohl sie als jugendgefährdend galten. Helen Vita war Bestandteil der Sexwelle, die Deutschland ab Mitte der 60er Jahre erfasste. Sie bildete das intellektuelle Gegenstück zu den Vulgärproduktionen, die sich damals in hunderttausenden Auflagen verkauften. 1966/67 waren Produktion und Verkauf ihrer Platten kurzfristig verboten.

Helen Vita

In den 50er Jahren deckte das deutsche Musikgeschäft die unerfüllten geografischen Sehnsüchte (Italienschlager, etc.) des Massenpublikums ab. Ende der 50er Jahre standen die rebellischen Gefühle der Teenager im Zentrum des geschäftlichen Interesses (Teeny-Idole à la Kraus/Conny/Herold). Diese Ära ging spätestens 1963 zu Ende. Die Fachleute ahnten, dass die bisherigen Idole ihren Zenit überschritten hatten. Neue Leute tauchten auf, wie Manuela oder Drafi. Noch war aber nicht klar, wohin sich der musikalische Massengeschmack entwickeln würde. In dieser Situation entdeckten findige Musikmanager die unerfüllten erotischen und sexuellen Sehnsüchte der Deutschen. Bereits 1962 enterte eine Retorten-Gruppe namens "Schock-Kings" mit der nicht jugendfreien Nummer "Lady Chatterley" die deutschen Charts. 1964 hielten sich Peter Lauch und seine Regenpfeifer monatelang hoch in den Hitlisten mit dem Titel "Das kommt vom Rudern, das kommt vom Segeln". Der Song geriet auf den Index, verkaufte sich aber über eine Million Mal. Nun zog auch das Filmgeschäft nach. 1965 bildeten "Western, Agenten- und Sexfilme" den Hauptharst der insgesamt 56 Filme, die in Deutschland entstanden sind. 1967 machten Sexfilme mehr als ein Viertel aller deutschen Filmproduktionen aus. Darunter befand sich auch der erste der legendären "Oswalt Kolle"-Filme.

Schlager und Filme mit platten Männerfantasien versprachen das große Geschäft. Diese Musik und diese Bilder wurden vornehmlich heimlich konsumiert. Die Bildungsdeutschen distanzierten sich von dieser Unkultur, obwohl sie sie in schwachen Stunden vermutlich selber konsumierten. Das Bildungsbürgertum sprach offiziell vom Untergang der abendländischen Kultur. Es ist in diesem Zusammenhang interessant, dass die erfolgreichen Vertreter der Sex-Masche in keine Musik-Enzyklopädie Aufnahme gefunden haben, ja dass generell kaum biografisches Material über Leute wie Lauch, Laya Raki oder die Schock-Kings zu finden ist.

In der bigotten Atmosphäre zwischen öffentlicher Ablehnung und heimlichem Konsum fanden die frivolen, aber intelligenten Chansons der Helen Vita einen guten Nährboden. Die Sängerin veröffentlichte im November 1963 auf Vogue die erste Langspielplatte mit dem Titel "Freche Chansons aus dem alten Frankreich". Die Vita war zu dieser Zeit eine gefragte Filmschauspielerin und Kabarettistin.

Karriere bei Kabarett und Film

Helen Vita kam am 7. August 1928 in Hohenschwangau als Helen Vita Elisabeth Reichel zur Welt. Ihre Eltern waren beide klassische Musiker. Vater Anton spielte Geige und Mutter Jelena Cello. Das Paar gehörte in den 30er Jahren zum Ensemble des Gärtnerplatz-Theaters in München, wo Peter Kreuder Intendant war. Wegen Anti-Nazi-Sprüchen wurde die Familie 1938 in das Heimatland des Vaters, in die Schweiz ausgewiesen. Die Familie lebte in Genf, wo die talentierte Tochter das Konservatorium besuchte. Nach Kriegsende spielte Helen Vita Theater in Paris und wirkte dort auch gleich in einem Film (Torrents, 1946) mit. Ihre Mutter, die inzwischen von Anton Reichel geschieden war, zitierte die Tochter in die Schweiz zurück.

Mutti sorgte sich um ihre Tochter, die unbeaufsichtigt im fernen Paris lebte. Helen Vita übersiedelte nach Zürich, wo sie am Schauspielhaus 1948 unter Bert Brecht in einer Aufführung mitwirkte. Ab 1950 begann sie Kabarett zu machen. Sie war Mitglied des renommierten Schweizer Kabaretts "Café Fédéral". Fast gleichzeitig wurde sie für den Film entdeckt. Im Schweizer Film "Palace Hotel" (1952) hatte sie ihre erste Rolle in einem deutschsprachigen Film inne. Hier wirkte unter anderen auch Lys Assia mit. Kurze Zeit später zog Helen Vita nach München um, wo sie in der "Kleinen Freiheit" ebenfalls Kabarett machte. Auch hier übernahm sie immer wieder Ausflüge ins Filmgeschäft. Als Lore Schulz, der Dame mit dem offenherzigem Dekolleté im Film "08/15", wurde sie 1954/55 einem breiten Publikum ein Begriff. Der Film war derart erfolgreich, dass davon sogar ein zweiter Teil (08/15 in der Heimat) gedreht wurde.

Bis 1961 gehörte Helen Vita zum festen Personal des deutschen Unterhaltungsfilms. Sie stand neben Caterina Valente (Bonjour Kathrin), Heidi Brühl (Ferien auf dem Immenhof), Peter Kraus (Alle lieben Peter oder Fred Bertelmann (Robert und Bertram) vor der Kamera. In der Zeit von 1946 bis 1961 spielte Helen Vita in rund 30 Filmen mit. Danach sind noch knapp 20 Filme mit ihr gedreht worden. Diese Filme sind qualitativ höher zu bewerten. Denn in den 70 Jahren geriet Helen Vita in den Kreis um Rainer Werner Fassbinder, mit dem sie ab Mitte der 70er Jahre einige Filme drehte, u.a. Lili Marlen (1981). Zuletzt wirkte Helen Vita 1997 im Streifen "Drei Mädels von der Tankstelle" mit.

...und schließlich die Schallplattenkarriere

Helen Vita hatte das literarische und frivole Chanson Mitte der 40er Jahre in Paris kennengelernt. Anfang der 50er Jahre sang sie regelmäßig als Kabarettistin auf der Bühne. Sie schätzte vor allem die Titel von Kurt Tucholsky oder Friedrich Holländer. Ab 1963 erschienen Langspielplatten mit Helen Vita. Im September 1963 kam bei der Deutschen Grammophon Gesellschaft ein Album mit dem Titel "Literarische Kleinkunst: In der Bar zum Krokodil" heraus. Darauf singt Helen Vita Lieder von Autoren wie Tucholsky, Beda oder anderen. Im Winter 1963 veröffentlichte die Deutsche Vogue das erste von vier Alben der Serie "Freche Chansons". Das Werk trägt den Titel "Freche Chansons aus dem alten Frankreich". Begleitet wird die Künstlerin vom Orchester Raymond Legrand. Die Scheibe schlug ein. Ab Februar war sie in der deutschen Langspielplatten-Hitparade klassiert, wo sie im Juni und Juli als Spitzenklassierung einen sechsten Rang erreichte. In der Jahres-Top-50 der deutschen Album-Charts des Jahres 1964 ist "Freche Chansons aus dem alten Frankreich" auf dem dritten Platz verzeichnet.

Bei den frechen Chansons handelt es sich um frivole französische Nummern, die ins Deutsche übertragen wurden. Helen Vita tourt mit dem Programm der "Frechen Chansons" nun unentwegt durch das deutschsprachige Europa. Als Mittdreißigerin und Mutter von zwei Söhnen - Helen Vita hat in den 50er Jahren den Schweizer Komponisten Walter Baumgartner geheiratet - hat sie endlich ihre Berufung gefunden. Die Frau, die in der Star-Revue bereits in den 50er Jahren als eine "Mischung aus Lebenshunger und Phlegma, Naivität und Raffinesse, Frivolität und herzhaftem Humor" dargestellt wurde, erreicht den Höhepunkt des Erfolges. Im Dezember 1964 gibt die Vogue das Album "Noch frechere Chansons aus dem alten Frankreich" heraus. Auch diese Langrille erreicht die Albumcharts und steigt im Mai 1965 bis auf Platz fünf. In der Jahresabrechnung ist das Album auf Platz sieben verzeichnet. Der Erfolg auf dem Plattenmarkt trägt Helen Vita 1965 den Titel der erfolgreichsten Chansonsängerin Deutschlands ein, vor Hildegard Knef und Françoise Hardy (!). 1966 erreicht sie in dieser Kategorie Platz zwei, hinter Hildegard Knef, aber vor Mireille Mathieu.

In den beiden Jahren 1965 und 1966 wird Helen Vita jeweils mit dem "Preis der deutschen Schallplattenkritik" ausgezeichnet.

Trotz oder vielleicht gerade wegen dieser Auszeichnungen und des kommerziellen Erfolges erregten die frechen Werke von Helen Vita Anstoß. Anständige Bürger distanzieren sich von den Programmen der Künstlerin. Noch geschieht nichts. Ihre Platten werden verkauft und in den Charts verzeichnet.

Im November 1965 veröffentlicht Vogue das dritte Album von Helen Vita. Es trägt den Titel "Die frechsten Chansons aus dem alten Frankreich". Als Produzent zeichnet Hans R. Beierlein. Auch diese Scheibe klassiert sich in den Charts.

Vita gerät auf den Index

Die Situation eskaliert im Jahr 1966. Im Spätsommer erscheint "Die allerfrechsten Chansons aus dem alten Frankreich" das vierte und wie es sich zeigen sollte auch das letzte Album der Serie "Freche Chansons". Es erreicht die Charts.

In den Album-Charts wird auf Platz 30 jedoch kein Titel genannt. Es steht dort einzig folgender Verweis: "Veröffentlichungs-Angaben der auf dieser Position platzierten Langspielplatte siehe Musikmarkt Heft 9/66 vom 15. September, Seite 1.

An der genannten Stelle liest man: "Nach den Bestimmungen des Jugendschutz-Gesetzes ist es Musikmarkt nicht möglich, jugendgefährdende Schallplatten-Veröffentlichungen für den Fall, dass sie Positionen in den Hit-Paraden-Plakaten erreichen, mit Titel-, Interpreten- und Firmenangaben auszudrucken.... Dies ist bei der vorliegenden Ausgabe des Musikmarktes und seiner Hit-Paraden-Plakate vom 15. September erstmals geschehen.

Die Position 30 der Langspielplatten-Hit-Parade weist aufgrund der Verkaufsergebnisse in der Bundesrepublik die erfolgreiche "Golden 12"-Langspielplatte mit dem Titel "Die allerfrechsten Chansons aus dem alten Frankreich", Interpretin Helen Vita, Bestellnummer: Golden 12-LP 2501, aus".

Helen Vita als Gefährdung der abendländischen Kultur

Die Alben der Helen Vita stehen zwar auf dem Index, aber sie dürfen weiterhin verkauft werden an Erwachsene. Im Dezember 1966 erwirkt das Amtsgericht in Köln einen Stopp von Produktion und Verkauf von Helen-Vita-Platten. Begründet wird das Urteil damit, dass der Inhalt der Helen-Vita-Werke eine Gefährdung der abendländischen Kultur darstelle. Anfang 1967 konfisziert die Polizei in den Geschäften Platten von Helen Vita. Erst nach monatelangen gerichtlichen Auseinandersetzungen werden im Oktober 1967 die Alben von Helen Vita wieder zum Verkauf an über 21-Jährige freigegeben.

Interessant an der Sache ist der späte Zeitpunkt, zu dem gegen die Werke von Helen Vita vorgegangen wird. Noch 1965 lehnte ein Gericht in Frankfurt ab, die Platten der Vita zu konfiszieren. Ein möglicher Grund ist der, dass die Werke von Vita als Literatur betrachtet wurden, solange sie bei Vogue unter Vertrag war. Als sie 1966 zu Golden 12 wechselte, dem Label, bei dem auch Peter Lauch (Das kommt vom Rudern) unter Vertrag stand, setzten die Gerichte offenbar die eher literarisch angehauchten Werke der Helen Vita auf die gleiche Ebene wie die Trivialwerke eines Peter Lauch und damit auch auf den Index.

Ende 1966 wird bekannt, dass die Albumserie "Freche Chansons" die bestverkaufte bisher überhaupt in Deutschland ist. Dennoch hat die Masche mit Sex und Frivolitäten ihren Höhepunkt überschritten. Die Beatbands gehen das Thema direkter und musikalisch weniger verstaubt an. Helen Vita kehrt zum Film zurück und dreht einige Sexfilme und findet später zum seriösen Geschäft zurück. Sie tourt mit eigenem Programmen und im Trio mit Brigitte Mira und Evelyn Künneke als "Drei alte Schachteln". Zum 70. Geburtstag stellt sie das Programm "Die Alte singt ja immer noch" vor. 1986 wird sie für ihre Arbeit mit dem deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnet.

Erste deutsche Album-Künstlerin

Helen Vita geht als erste deutsche Album-Künstlerin in die Popgeschichte ein. Anfang der 60er Jahre wurden mehr Singles als LP's verkauft. Das Publikum zahlte die höheren Scheiben für die Langrille einzig bei Musicals und Operetten widerspruchslos. Die aktuellen Pop-Künstler machten ihre Umsätze mit Singles. Ohne Singles ging im Schallplattengeschäft in den frühen 60er Jahren gar nichts. Die Erste, die zeigte, dass so etwas geht, war Helen Vita. Sie hat, soweit mir bekannt, nur eine Single veröffentlicht und dennoch mächtig Platten verkauft. Neben ihren vier Alben zum Thema "Freche Chansons" sind in den 60er Jahren auch diverse kabarettistische Alben erschienen.

Helen Vita wird wohl auch die einzige deutsche Künstlerin bleiben, die je in einer Hitparade klassiert war, ohne dass ihr Name aufgeführt war.

Erste Album-Künstlerin und einzige indexierte Hitparadenklassierung, zwei Besonderheiten in der deutschen Popgeschichte, die der eigenwilligen und wohl auch etwas exaltierten Dame gerecht werden.

Helen Vita verstarb am 16. Februar 2001 in einem Berliner Krankenhaus.