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(Juni 2002)

Tony Weller

Keine Reise ins Glück

von Walter Hilbrecht

Tony Weller galt in den späten 50er Jahren als der deutsche Pat Boone. Ursprünglich vom Jazz kommend, war er mehr zufällig in die Schlagerbranche geraten. Nach ersten kleineren Erfolgen nahm er 1958 ein Lied auf, das ihn möglicherweise mit einem Schlag berühmt gemacht hätte. Doch das Band landete unveröffentlicht im Archiv.

Tony Weller

Tony Weller, der mit bürgerlichem Namen Walter Sieben heißt, wird am 09.08.1936 in Aachen geboren. Schon als Kind singt er im Domchor seiner Heimatstadt. Sein Vater ist Berufsmusiker. Er machte sich zunächst als Stehgeiger einen Namen und gründete später eine Band.

Auch Sohn Walter nimmt zunächst Geigenunterricht, stellt aber bald fest, dass dieses Instrument für ihn nicht das richtige ist, da er sich mehr für moderne Musik interessiert.

In den frühen 50er Jahren sind amerikanische Rhythmen hierzulande enorm gefragt. Man hört AFN, man tanzt Boogie-Woogie und man begeistert sich für Jazz. Ein Gegenpol zur braven heimischen Tanz- und Unterhaltungsmusik entsteht. Es ist die Zeit der Big Bands und Combos. Einer der ganz Großen ist beispielsweise Stan Kenton, der zu dieser Zeit auch in Europa gastiert. Aber auch Kurt Edelhagen, Hans Koller oder Fatty George – um nur ein paar zu nennen zählen zur Elite.

Walter Sieben, der mittlerweile Kontrabaſ studiert, spielt nebenbei in der Band seines Vaters. Sein Herz aber schlägt für den Jazz und so knüpft er in amerikanischen Clubs Kontakte zu Kapellen und Musikern und mischt bald aktiv in der Szene mit. Zwar ist er unter all den gestandenen Jazzern altersmäßig einer der jüngsten, doch sein musikalisches Können verschafft ihm schnell Respekt.

Er spielt mittlerweile in einem Sextett, das sich "Die Nicols" nennt und vor allem auf Cool Jazz spezialisiert ist. Die Band tritt überwiegend in den bekannten TABU-Lokalen der Blatzheim-Betriebe auf, meistens in Köln und Düsseldorf, aber auch in München.

Walter Sieben ist nicht nur ein ausgezeichneter Bassist, mit seiner schön timbrierten Stimme übernimmt er bei den "Nicols" auch den Part des Sängers. In seinem Repertoire hat er bekannte Stücke wie "Love Is A Many Splendored Thing". Dass er ausschließlich englisch singt, versteht sich von selbst.

1956 hört ihn Hagen Galatis, damals Arrangeur bei Edelhagen. Er fragt ihn, ob er nicht Interesse an Plattenaufnahmen habe, wobei er allerdings von vornherein klarstellt, dass es sich dabei um eine andere musikalische Sparte handeln würde, nämlich um Schlager. Walter Sieben ist nicht abgeneigt und Galatis arrangiert ein Vorsingen bei der Teldec in Hamburg. Dem Aufnahmeleiter Heinz Woezel - ehemals selbst als Sänger aktiv - kommt der junge Mann wie gerufen, denn die Telefunken sucht gerade einen Interpreten, der ähnlich singt wie Pat Boone, dessen Erfolge in den USA und in England seinerzeit phänomenal sind.

Vorgesehen war zunächst Horst Winter, doch sein Vertrag läuft mittlerweile aus und auch altersmäßig ist er nicht der geeignete Mann. Deshalb ist man hocherfreut, als Heinz Woezel mit dem zwanzigjährigen Walter Sieben aufkreuzt, der bald darauf als Tony Weller mit 2 Pat Boone-Hits sein Plattendebüt gibt.

Der A-Titel "Für uns zwei" (Friendly Persuasion), komponiert von Dimitri Tiomkin, stammt aus dem Film "Lockende Versuchung" mit Gary Cooper in der Hauptrolle.

"Das war ein hervorragender Song, wunderschön arrangiert", schwärmt Tony Weller, "er wurde auch im Funk viel gespielt. Aber für die breite Masse war er vielleicht doch etwas zu anspruchsvoll". Die Umseite "Jeden Morgen" (Chains Of Love) trifft da schon eher den Publikumsgeschmack und auch Tony Wellers gesanglichen Qualitäten kommen hier so richtig schön zur Geltung.

"Pat Boone nachzusingen, lag mir eigentlich sehr", meint er rückblickend, "Ich habe die Lieder zwar in meinem Stil gesungen, aber doch so, dass es nach Pat Boone klang."

In kurzen Abständen folgen weitere Singles. Der Name Tony Weller prägt sich allmählich ein und die ersten Notierungen in den Schlagerparaden der Rundfunksender lassen nicht lange auf sich warten. Gut im Rennen liegt er beispielsweise mit dem Blues "So wie damals, Baby", der auch von Peter Kraus veröffentlicht wurde.

Zusammen mit Stars wie Vico Torriani, Gitta Lind, Lys Assia oder Jo Roland ist er bei vielen TELDEC-Tourneen dabei, die überwiegend im norddeutschen Raum stattfinden. Daneben absolviert er die üblichen Gala-Auftritte, die für das nötige Kleingeld sorgen.

Tony Weller 2

In den USA haben Billy Vaughn und sein Orchester 1958 einen Riesenhit mit der Instrumentalaufnahme "Sail Along Silvery Moon". Heinz Woezel ist der erste, der das Lied unter dem Titel "Eine Reise ins Glück" hierzulande als Gesangsversion auf den Markt bringt. Er hat gleich zwei Fassungen davon produziert, eine mit Tony Weller und eine weitere mit den "Lilians". Hinter diesem Pseudonym verbirgt sich der Studiochor "Sunnies & Cornels", auch bekannt unter dem Namen "Serenaders".

Woezel praktizierte hin und wieder ein in der Branche eher unübliches Verfahren, in dem er zwei verschiedene Interpreten auf einer Single veröffentlichte. In diesem Fall bringt er "Eine Reise ins Glück" von den Lilians zusammen mit dem Titel "Terry" gesungen von Tony Weller heraus. Angeblich soll Wellers Fassung von "Eine Reise ins Glück" sofort nachgeschoben werden, sobald die Nachfrage nach der deutschen Version steigt.

Im Nachhinein erscheint das Ganze nicht recht nachvollziehbar. Woezel musste davon ausgehen, dass die Konkurrenzfirmen nicht tatenlos zuschauen, sondern - wie es damals üblich war - eigene Nachzieher ins Rennen schicken würden. Genau das passiert und im Nu gibt es zahlreiche Coverversionen, beispielsweise mit Erni Bieler und Leo Leandros. Tony Weller drängt Woezel, endlich auch seine Aufnahme zu veröffentlichen. Doch dessen lapidare Antwort lautet, dafür sei es nun zu spät. Um durchzusetzen, dass seine Version doch noch erscheint, geht der Sänger schließlich zum obersten Chef der Firma. Aber auch der winkt ab.

Heute, nach mehr als 40 Jahren, lächelt er zwar darüber, doch ein bisschen trauert er der verpassten Chance immer noch nach:

"Die Aufnahme, die ich eingesungen habe, war wirklich gut", sagt er,"damit wäre ich ganz oben gewesen, das wusste ich gleich. Stattdessen landete sie im Archiv, wo sie vermutlich heute noch irgendwo herumliegt."

"Sail Along Silvery Moon" geht als einer der Topseller des Jahres in die Annalen der Schlagergeschichte ein, allerdings nur in der Originalversion mit Billy Vaughn. Die deutsche Fassung "Eine Reise ins Glück" ist zwar ebenfalls in aller Munde, kann sich jedoch nicht in den Charts platzieren. Zum Jahresende kommt unter diesem Titel dann auch noch ein musikalischer Unterhaltungsfilm in die Kinos, in dem der beliebte Schlager von Teddy Reno, einem musikalischen Gastarbeiter aus Italien, gesungen wird.

Das gute Verhältnis, das bis dahin zwischen Tony Weller und Heinz Woezel bestand, hat einen spürbaren Knacks bekommen. Zwar rauft man sich wieder zusammen, doch nach der Produktion einer weiteren Single, die bei Decca erscheint, wird die Zusammenarbeit beendet.

Da Tony Weller wieder bei den "Nicols" einsteigen kann, hat er auch weiterhin die Möglichkeit, als Sänger im Rampenlicht zu stehen. Das Thema "Plattenkarriere" gerät langsam in Vergessenheit. Doch eines Tages, bei einem Auftritt in Ramstein, hört ihn der bekannte Filmkomponist und Produzent Martin Böttcher. Ihm gefällt Tony Wellers Stimme und er lädt ihn zu sich nach Hamburg ein. "Er fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, Platten bei der Ariola zu machen. Da ich zu der Zeit ja ohne Vertrag war, sagte ich natürlich zu", schildert Weller die Begegnung. Allerdings trennt er sich diesmal nicht von der Band. Man einigt sich darauf, dass er, je nach Bedarf einen Freiraum für Soloprojekte bekommt, daneben aber auch weiterhin als Bandmitglied zur Verfügung steht.

Unter Böttchers Leitung nimmt er zunächst den Titel "Josephine" auf, eine hübsche Swing-Nummer, die von Hansi Last arrangiert wurde. Der kommerzielle Erfolg hält sich jedoch in Grenzen. Auch eine zweite Single findet nicht den erhofften Anklang und Tony Wellers Gastspiel in der Schlagerbranche ist damit vorerst beendet. Den Künstlernamen legt er später ab. Der Musik bleibt er weiterhin treu.

Heute leitet er seit mehr als zwanzig Jahren die "Walter-Sieben-Band", ein Trio, das vor allem im Rheinland recht bekannt ist. Das Repertoire reicht von gepflegter Dinner-Musik bis hin zu aktuellen Hits. Auch der Swing kommt nicht zu kurz. Und natürlich steht Walter Sieben auch heute noch als Sänger vor dem Mikrofon und interpretiert u.a. Titel von Sinatra, Perry Como oder Engelbert.

Daneben hat er sich seit den siebziger Jahren ein weiteres Standbein als Stimmungssänger geschaffen. Damals machte er seine ersten Auftritte im Aachener Karneval und komponierte beispielsweise den Schunkelwalzer "Wer einmal in Aachen war", der sich zu einem beachtlichen Erfolg mauserte und noch heute zu den beliebten Karnevalsschlagern zählt. Damit trat er auch im Fernsehen auf. Später betätigte er sich als Produzent und sang im Duett mit der Sängerin Marion Bittner. Neben seinen Aktivitäten als Bandleader ist er nach wie vor auch als Solist aktiv. Er war bei öffentlichen Veranstaltungen von WDR 4, der Schlagerwelle des Westdeutschen Rundfunks, dabei und hat außerdem eine aktuelle CD auf den Markt gebracht. Darauf singt er die schaurig-schöne Schnulze "Leila", mit der 1960 die Regento-Stars und die Regenpfeifer erfolgreich waren.

Die Singles, die er als Tony Weller aufnahm, sind heute echte Raritäten, an die man nur schwer herankommt. Zum Glück wurde "Jeden Morgen", einer seiner schönsten Titel, wiederveröffentlicht. Zu finden ist er auf der bei Bear Family erschienenen CD "Auf den Flügeln bunter Träume" (BCD 16581 AH), die daneben viele weitere Schlagerperlen enthält.